Unsere Jugendlichen geben Conta

Wie es dazu gekommen ist:

Für viele Schülerinnen und Schüler der Klasse war “Arab Queen” das erste Buch, das sie je gelesen hatten. Den Mädchen gefiel es sehr gut und sie hatten es nach einigen Wochen durchgelesen, was in ihren Familien für großes Erstaunen sorgte. Bei einigen Jungen war es etwas schwieriger, sie für das Buch zu begeistern.

Während der Beschäftigung mit “Arab Queen” holte uns immer wieder der Medienzirkus um Thilo Sarrazin ein. Anfangs wussten viele der SchülerInnen gar nicht, wer Thilo Sarrazin war. Als sie dann mit seinen Aussagen konfrontiert wurden, kam es zu heftigen Streitereien in der Klasse (deutlich heftiger als zuvor). Die Klasse spaltete sich auffällig in “die deutschen Kinder” und “die Ausländer-Kinder” (O-Ton der Klasse). Jeden Tag gab es neue Beleidigungen und Beschimpfungen übelster Art. Alexander bekam den Auftrag, alle gefallenen Schimpfworte aufzuschreiben und zu sammeln. Es entstand eine beachtliche Sammlung, die zu den “Schimpf-Schildern” verarbeitet wurde.

Im Kern bestand der Konflikt aus diesen Positionen: Die “Ausländer-Kinder” fanden die deutschen Kinder “uncool”, “schwach”, “feige” und “streberhaft” und bezeichneten sie als “Opfer”. Die deutschen Jugendlichen wiederum betitelten die “Ausländerkinder” als “faul”, “dreckig”, “asozial”, “machohaft” und “gewalttätig”. Es gab Momente, in denen eine Zusammenarbeit völlig unmöglich erschien. Dies insbesondere deshalb, weil sich die Jugendlichen durch die Medien extrem in ihren jeweiligen Haltungen bestärkt fühlten und sich zunehmend gegenseitige Verachtung Bahn brach .

Dann besuchte uns die Autorin Güner Balci. Sie nahm an einer Probe teil und diskutierte anschließend mit den SchülerInnen. Ihre deutlichen Provokationen (z. B. “Bin ich also eine Schlampe für euch?”) führten zunächst zu weiteren Verhärtungen im bereits schwelenden Konflikt, lösten aber auch schockartige Verunsicherungen bei den Jugendlichen aus (diese sympatische Frau, die wir eigentlich bewundern wollen, lebt so offenkundig “in Sünde”??).

Besonders die muslimischen Mädchen blockierten im Anschluss an diesen Besuch jegliche Mitarbeit, zeigten sich aggressiv und verschlossen dem Theaterprojekt gegenüber und wollten aussteigen. In direkter Reaktion darauf kündigten auch die männlichen “Ausländerkinder” ihren Austieg an ( “Muslimische Kinder halten immer zusammen”, s. Zitat unten)

Offenbar brauchten alle viel Zeit, um die höchst widersprüchlichen Haltungen zum Thema zu verarbeiten und irgendwann auf einer anderen Ebene wieder Gemeinsamkeiten zu entdecken. Zunehmend beschäftigten wir uns mit der Situation der muslimischen Mädchen in ihren Familien, ausgehend von der Hauptfigur im Roman “Arab Queen”. Aber auch in dieser Hinsicht erreichten wir einen Punkt, an dem sich die muslimischen Schülerinnen verweigerten und auf die “gottlosen Deutschen” schimpften, von denen sie sich sowieso nichts sagen lassen wollten. Hilfreich in diesem großen Konflikt war die Verlagerung der Problematik auf andere Texte und Materialien. So schauten wir unter dem Aspekt der Revolution gegen die Eltern den Film “Billy Elliot” und fanden heraus, dass wir bestimmte Dinge alle gemeinsam erleben oder erlebt haben. Zum Thema der Unterdrückung von Frauen lasen wir Szenen aus “Emilia Galotti”. Hier wurde kein muslimisches Mädchen von ihrem Vater “wegen der Ehre” getötet, sondern ein deutsches! Dies besserte die Stimmung erheblich  und hatte vor allem eine überraschende Wirkung: Im Angesicht der Situation von Emilia, fanden die muslimischen (!) Mädchen es nun sehr seltsam, dass “Emilia sich das gefallen ließ!”. Und so fanden wir plötzlich den Weg zurück und vor allem wieder zueinander. Auf die Theaterproduktion hat sich der Umweg über Emilia Galotti sehr konstruktiv ausgewirkt: Plötzlich war Humor im Raum. Dieser Humor findet auch Eingang in das Theaterstück- und ermöglicht eine neue Perspektive auf das gesamte Thema.

Die Mädchen der Theaterklasse machen derzeit kaum noch Unterschiede zwischen deutsch oder muslimisch: Sie haben beschlossen, dass sie “Schwestern” sind und probieren erste, vorsichtige Schritte auf dem Weg zur Emanzipation der Frau… Und wie wir gerade im Spiegel gelesen haben (Februar-Ausgabe), haben da auch die deutschen Frauen noch lange nicht der Weisheit letzten Schluss gefunden. ;-)

 

 

Hab niemals Angst vor einem Mann! Niemals! Und am meisten die muslimischen Frauen: Wenn ihr euch unwohl in eurem Leben fühlt, dann trennt euch, und wenn ihr Kinder habt, dann lebt mit euren Kindern alleine! Und genießt eure Freiheit! Und bleibt stark! Ich wünsche jeder Frau ein “wohles” Leben!”

(Marwa, 14 Jahre)

 

Frau Merkel würde eher einem Penner auf der Straße 1000 Euro geben, als zu uns in unsere Schule zu kommen!”

(Hakan, 13 Jahre)

 

Türken und Araber lernen schnell die deutsche Sprache, aber die Deutschen können unsere Sprache in tausend Jahren noch nicht!”

(Sibel, 14 Jahre)

 

Es ist normal, dass man gemobbt wird, denn es ist die Pubertät.”

(Kevin, 14 Jahre)

 

Es geht nicht um Muslime oder Deutsche. Es geht darum Opfer zu sein, oder nicht Opfer zu sein”.

(Sercan, 14 Jahre)

 

(Original-Textausschnitte der Schüler/innen, Namen geändert)

 

> Kritik aus nachtkritik

 

 

Bilder von Proben und Aufführung

Bilder von Friederike Faber

Arab Queen & Thilo Sarrazin

 

Premiere:

07. April 2011, 20 Uhr

Alfred-Nobel-Schule
Hauptgebäude
Britzer Damm 164
2347 Berlin


Weitere Aufführungen:

11. April 2011, 20 Uhr

Alfred-Nobel-Schule
Hauptgebäude
Britzer Damm 164
12347 Berlin


10. Juni 2011, 19 Uhr

Heimathafen Neukölln
Karl-Marx-Str. 141


16. Juni 2011, 19 Uhr

Heimathafen Neukölln
Karl-Marx-Str. 141


17. Juni-19. Juni 2011

innerhalb von “48 Stunden Neukölln”